Beschreibung
Nachdem die Geschichtswissenschaft lange Zeit viel Energie darauf verwandt hatte zu untersuchen, wie „große Männer“ die Welt nach ihren Vorstellungen formten, wandte sie sich in den 1970er Jahren verstärkt den Strukturen, Klassen und Schichten der Gesellschaft zu. Auf Dauer erwies sich dieser zahlen- und tabellengesättigte Ansatz aber in der Lesbarkeit als ebenso schwierig wie im Aussagewert begrenzt. Als Reaktion darauf nahm die Forschung nun wieder Einzelpersonen in den Blick, dieses Mal jedoch keine Könige und Generäle mehr, sondern interessante Persönlichkeiten aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen. So liegt diesmal auch der Schwerpunkt des vorliegenden Heftes von „Zeitgeschichte regional“ eindeutig im historisch-biographischen Bereich.
Eckhard Oberdörfer wirft einen kritischen Blick auf den jungen Arbeiter Bruno Jackley, der am 23. März 1920 beim Versuch bewaffneter Landarbeiter, das Wasserwerk Diedrichshagen bei Greifswald zu besetzen, von dessen Verteidigern erschossen wurde. Das ist unstrittig. Alle darüber hinaus gehenden Berichte werden von Oberdörfer als „heroisierende Geschichtsklitterung“ bezeichnet und halten einer quellenkritischen Überprüfung nicht stand. Während die archivische Überlieferung zu Jackley ausgesprochen dürftig ist, standen dem Autor des zweiten biographischen Aufsatzes solche mit dem umfangreichen Nachlass des „Fernsehkapitäns“ der DDR Gerd Peters im Archiv des Rostocker Schifffahrtsmuseums in reichem Maße zur Verfügung. Peter Danker-Carstensen porträtiert den ebenso bekannten wie rührigen Peters, der ab 1971 neben seinem Beruf als Kapitän in zahllosen Beiträgen als Berater, Moderator und Autor bei Rundfunk und Fernsehen der DDR sowie nach 1990 als Buchautor eine große Breitenwirkung entfaltete, nicht ohne Sympathie, ohne dabei aber die negativen Seiten des Kapitäns wie dessen ausgeprägte Eitelkeit oder seine langjährige Tätigkeit als Informeller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit zu verschweigen.
Aus ganz anderen Berufsfeldern kamen die beiden in der Rubrik „Biographische Skizzen“ beschriebenen Personen. Wolfgang Matthäus befasst sich mit dem Rostocker Physiker und Meteorologen Günther Falckenberg (1879-1963), wobei der Schwerpunkt seiner Untersuchung weniger auf der wissenschaftlichen Tätigkeit als auf dem sehr geselligen Leben des begeisterten Seglers liegt. Während nach Falckenberg immerhin eine Straße benannt wurde, ist der Name des Anderen, der in dieser Rubrik porträtiert wird, kaum jemandem bekannt, obwohl er zahlreiche bedeutende Radrennfahrer trainiert hat. Günter Kosche beschreibt den Lebensweg des Rostocker Radsporttrainers Peter Sager, der immer wieder, auch in ausführlichen Zitaten, seine Auswahl- und Trainingsmethoden erläutert.
Außer diesen biographischen Beiträgen enthält das vorliegende Heft noch drei weitere Aufsätze. Eckart Schörle schildert – reich bebildert – die wechselvolle Geschichte des aus der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Touristenvereins „Die Naturfreunde“ in Mecklenburg-Vorpommern von 1916 bis in die Gegenwart, wobei der Verein seine Blütezeit sicherlich in der Weimarer Republik und im Haus „Uhlenflucht“ in der Rostocker Heide sein Zentrum hatte. Dann beschreibt Christian Büst in einem ebenso bedrückenden wie wichtigen Beitrag den Haftalltag, die Bewältigungsstrategien und den Widerstand in der Rostocker MfS-Untersuchungshaft. Immer wieder lässt Büst dabei ausführlich die Opfer zu Wort kommen. Über die Problematik solcher oft viele Jahre später verfassten subjektiven Zeitzeugenberichte ist er sich klar, misst ihnen aber zu Recht großen Quellenwert bei. Eindrucksvoll illustriert der Beitrag, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, für das die Isolation in der Einzelhaft, selbst ohne die zusätzlichen Schikanen der Wärter, eine immense Belastung darstellt. Im dritten Aufsatz befasst sich Patryk Tomala mit der Geschichte des Stadtmuseums Neustrelitz, beginnend mit den herzoglichen Sammlungen des 18. Jahrhunderts und immer wieder auf die schweren Verluste hinweisend, die hier vor allem im Jahr 1945 zu verzeichnen waren. Die meiste Zeit seiner Existenz litt das 1973 dann endlich nach langen Kämpfen in der Schloßstraße 3 eingerichtete Stadtmuseum an Raum-, Personal- und Geldmangel, bis endlich 2016 mit der Errichtung des Kulturquartiers Mecklenburg-Strelitz eine zukunftsweisende Lösung geschaffen werden konnte.
In der Rubrik „Regionale Geschichtsarbeit“ berichtet Lars Tschirschwitz über den Start des Online-Videoportals „Zeitzeug*innenberichte: Mecklenburg-Vorpommern 1945-1990 – Erinnerungen an SBZ und DDR“, das derzeit ca. 20 Zeitzeugeninterviews, die im Auftrag des Landesbeauftragten für M-V für die Aufarbeitung der SED-Diktatur geführt wurden, im Internet präsentiert. Ebenfalls im Internet frei verfügbar ist das von Corinna Keunecke und Michael Heinz vorgestellte Themenportal „Rechte Gewalt“, das im Archivportal-D einen strukturierten Zugang zu den entsprechenden Archivbeständen bietet. In der Rubrik „Historisches Lernen“ stellt Mirjam Elburn die digitale Suchmaschine „Schule im Museum“ auf der Seite des Museumsverbandes Mecklenburg-Vorpommern vor, die eine große Vielfalt von immerhin 129 Bildungsangeboten für Schulklassen in den Museen und Gedenkstätten des Landes anbietet, die auch direkt gebucht werden können. Abschließend berichtet Ann-Kathrin Reichardt in der Rubrik „Aus anderen Ländern“ über die Deutschlandpremiere von „The Spies among us“, einem amerikanischen Dokumentarfilm über den Staatssicherheitsdienst der DDR, der mit seinen Interviews auch von hochrangigen Mitarbeitern des MfS aufschlussreiche Erkenntnisse zum Verhältnis von Opfern und Tätern ermöglicht.
Den Schluss bilden dann wie immer die Rezensionen und Anzeigen von Neuerscheinungen zeitgeschichtlicher Veröffentlichungen aus der Region.
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