Beschreibung
Der beste Weg, sich ein Urteil über ein Herrschaftssystem zu bilden, ist die Beschäftigung mit der Frage, wie hier die Schwachen, die Alten, Kranken und Behinderten behandelt wurden. Daher kommt der Medizingeschichte innerhalb der allgemeinen Geschichte eine ganz besondere Bedeutung zu, und auch in dem vorliegenden Heft von „Zeitgeschichte regional“ widmen sich immerhin drei lange Aufsätze diesem Thema. Im ersten Beitrag schildert Tom Fleischhauer die fast 20 Jahre, die der Chirurg und spätere Gründungsrektor der Medizinischen Akademie Erfurt, Prof. Dr. Egbert Schwarz, zwischen 1914 und 1933 in Rostock zubrachte. Er stützt sich dabei vor allem auf die von Schwarz um 1960 verfassten Lebenserinnerungen. Neben vielen interessanten Details zur Rostocker Stadtgeschichte
illustrieren diese Erinnerungen auch die republikfeindliche Einstellung der Rostocker Universität in der Weimarer Zeit. Diese wurde von Schwarz erkennbar geteilt, der 1933 in die SS und 1937 in die NSDAP eintrat und nach 1933 als Chirurg in Erfurt zahlreiche Zwangssterilisationen durchführte. In einem weiteren Beitrag beschäftigt sich die Rostocker Medizinhistorikerin Kathleen Haack mit der Psychiatrie in Pommern von den Anfängen im 19. Jahrhundert
bis 1945. Nachdem die Verhältnisse lange Zeit katastrophal gewesen waren, setzte ab 1870 ein regelrechter „Anstaltsboom“ ein, der zum Bau von fünf großen Einrichtungen in Ueckermünde, Lauenburg, Treptow, Stralsund und
Kückenmühle führte, in denen psychisch Kranke nun erstmals eine menschenwürdige Unterbringung und Versorgung fanden. Da sich die erwarteten Heilungserfolge nicht einstellten, gewannen sozialdarwinistische Ideen innerhalb der Ärzteschaft aber immer mehr Anhänger, was dann nach 1939 in den hier akribisch untersuchten und beschriebenen NS-Euthanasiemorden in Pommern endete. Aber nicht nur im nationalsozialistischen Deutschland, sondern auch in der DDR gab es – trotz ihrer humanistischen Ideale – schwere Defizite im Umgang mit psychisch Kranken und Behinderten, wie Falk Bersch am Beispiel der Behandlung von Kindern und Jugendlichen in sonderpädagogischen, psychiatrischen und Behinderteneinrichtungen in den DDR-Nordbezirken eindrucksvoll illustriert. Die Regierung maß diesem Thema erkennbar keine besondere Priorität bei, so dass sich die ja auch sonst weit verbreiteten personellen und materiellen Versorgungsengpässe in diesem Bereich besonders verheerend auswirken konnten.
Einen weiteren Schwerpunkt dieses Heftes von „Zeitgeschichte regional“ bildet das weite Feld der Kulturpolitik. Antje Strahl untersucht die Liquidation der Stralsunder Freimaurerlogen „Sundia zur Wahrheit“ und „Gustav Adolph zu den drei Strahlen“ in den 1930er Jahren einschließlich des Verbleibs der hierbei beschlagnahmten Gemälde und Kunstgegenstände. Bernd Kasten hingegen zeigt an den bisher wenig bekannten Gedichten Rudolf Tarnows im Niederdeutschen Beobachter 1932/33, wie es um die politischen Überzeugungen dieses bis heute recht populären Dichters stand. Dass Schriftsteller und Kulturschaffende politisch nicht im luftleeren Raum agieren, macht auch der Beitrag von Peter Danker-Carstensen über das Treffen des Rostocker Journalisten und Inoffiziellen Mitarbeiters des Ministeriums für Staatssicherheit Heinz Gundlach mit dem westdeutschen Schriftsteller Günter Wallraff 1971 in Kopenhagen deutlich. Im Unterschied zu solchen die Staatsgewalt sehr interessierenden Aktionen gab es freilich auch immer Bereiche, in denen Künstler selbst in Diktaturen eine kreative Nische finden konnten, wie Birthe Dobroczek in ihrem reich bebilderten Text zu Mail Art und Malerei von Oskar Manigk anschaulich demonstriert. Wie vielfältig das Kulturleben in Mecklenburg noch in den ersten Jahren nach 1945 in Mecklenburg war, illustriert dann Wolf Karge, indem er als „historisches Dokument“ das Widmungsblatt vom Abschiedsgeschenk der Wirkungsgruppe des Schweriner Kulturbundes für ihren scheidenden Vorsitzenden Ehm Welk im Jahr 1948 behandelt. An Hand von Kurzbiographien stellt er die 16 Unterzeichner aus der Führung des Kulturbundes vor: Musiker, Ärzte, Lehrer, Pastoren etc., die in der Landeshauptstadt damals fraglos eine lokale Bildungselite darstellten und dort für eine kurze, aber lebhafte Blütezeit des kulturellen Lebens nach den düsteren NS-Jahren sorgten.
Die Rubrik „Regionale Geschichtsarbeit“ beginnt mit einem Bericht von Florian Fordtran über die Gestaltung eines neuen Gedenkorts für die Verfolgten des Nationalsozialismus auf dem Neuen Friedhof in Rostock. Daran schließt sich ein Beitrag von Wolfgang Klietz an über eine Tagung an der Universität Greifswald im November 2024 zu „30 Jahre Abzug der sowjetischen Truppen aus Deutschland. Ursachen, Verlauf und Wirkungen“. Dann berichten Rainer Holzapfel und Steffi Brüning mit den „Gesängen aus der Gefangenschaft“ über ein in Zusammenarbeit mit dem Volkstheater Rostock und dem Motettenchor der
St.-Johannis-Kantorei für die Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock entwickeltes innovatives Projekt zur regionalen Geschichtsvermittlung.
In der Rubrik „Historisches Lernen“ stellt Corinna Wagner-Stempkowski die App „Stolpersteine Digital“ in Mecklenburg-Vorpommern vor. Während die bisher zu den Stolpersteinen in den einzelnen Orten gedruckten Broschüren schnell veraltet sind und die jüngere Generation weniger ansprechen, bietet sich hier die Möglichkeit, mittels eines Smartphones sofort alle Informationen zu der auf dem Stein genannten Person zu erhalten. Ein Beitrag von Roland Springborn über die Ausstellung zur 1909 eingeweihten Stettiner Bugenhagenkirche, die in enger Zusammenarbeit mit der Pommerschen Bibliothek in Szczecin entstand und seit 2019 gezeigt wird, schließt die Rubrik ab.
Für dieses Heft von „Zeitgeschichte regional“ wurden zwei
Interviews geführt: Steffi Brüning sprach mit Ekkehardt Kumbier und Kathleen Haack vom Arbeitsbereich Geschichte der Medizin an der Universität Rostock, und Andreas Wagner befragte Anne Drescher, die von 2013 bis 2023 die Landesbeauftragte Mecklenburg-Vorpommern für
die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR war.
In der Rubrik „Archivmitteilungen“ stellt Matthias Manke die Materialsammlung zur mecklenburgischen Landesgeschichte im Nationalsozialismus, einen neuen Bestand im Landeshauptarchiv Schwerin, vor.
Den Schluss bilden wie immer die Rezensionen und Anzeigen von Neuerscheinungen zeitgeschichtlicher Veröffentlichungen aus der Region.
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