Zeitgeschichte regional | 18. Jg., 2014, Heft 2

8,00 

Beschreibung

Das Erinnerungsjahr 2014, das von Debatten um die Zäsuren von 1914 und 1989 geprägt war, neigt sich dem Ende zu. Eckart Schörle lässt mit seinem Rückblick in dieser zweiten Ausgabe des Jahrgangs von „Zeitgeschichte regional“ die Aktivitäten in Mecklenburg-Vorpommern Revue passieren, die sich mit der Geschichte des Ersten Weltkrieges und den Spuren, die er in unserem Land hinterlassen hat, auseinandersetzten. Einen interessanten Überblick über Hinterlassenschaften dieses Krieges in Bibliotheken, Archiven und anderen Sammlungen verdanken wir der Direktorin der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe, Julia Freifrau Hiller von Gaertrinqen, die auf das Portal www.kriegssammlungen.de hinweist, das einen Überblick über 236 Kriegssammlungen in Deutschland über die Zeit von 1914 bis 1918 bietet. Eine unmittelbare Folge dieses Krieges war die Abschaffung der Monarchie im Deutschen Reich. Die staatlichen Nachfolger führten langwierige, vor allem Vermögensauseinandersetzungen mit den vormals fürstlichen und königlichen Familien. Im Auftrag des im Aufbau befindlichen Kulturquartiers Neustrelitz hat sich Wolf Karge mit der Geschichte der Herzöge zu Mecklenburg im Freistaat Mecklenburg-Strelitz zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus beschäftigt.

Gabriele Förster bietet uns erneut einen Einblick in ihre Forschungen an der Universität Greifswald mit einem Beitrag über die schulische Leibeserziehung während der Weimarer Republik in Pommern. Die dabei zitierte Zielvorstellung „Wir wollen keine Jugend schlaff und schmal“ erinnert an das Hitlersche Idealbild deutscher – männlicher – (Hitler-)Jugend, formuliert in seiner berüchtigten „Windhund“-Rede. Der von der durch solche Leibeserziehung ertüchtigten Jugend geführte Krieg wird uns noch lange Zeit nicht zur Ruhe kommen lassen, auch wenn die Generation der überlebenden Akteure schwindet. Viele Geschichten sind bislang noch nicht erzählt. Die Ermordung polnischer und ukrainischer Zwangsarbeiter durch die Geheime Staatspolizei in Mecklenburg 1941-1945 hat in einzelnen Berichten Erwähnung gefunden. Bernd Kasten gibt mit seinem Beitrag wichtige Anregungen für eine zusammenfassende wissenschaftlich-historische Untersuchung.

Einen besonderen Beitrag zu diesem Heft verdanken wir Ursula von Appen, auf deren Lebensgeschichte „Zeitgeschichte regional“ vor einiger Zeit eingegangen ist. Sie vermittelte einen Aufsatz von Waltraut Karin Hall geb. Markgraf aus Sunnyvale in Kalifornien/USA, in dem sich diese einer bislang kaum beachteten Seite der Vergewaltigungen am Ende des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit im Osten Deutschlands beschäftigt: „Russenkinder“ – Vergewaltigungskinder und die fehlende Zuständigkeit der Jugendwohlfahrt in Mecklenburg 1946-1952. Die Geschichte dieser
Opfergruppe – und als solche müssen diese Kinder wohl angesprochen werden – ist bislang noch nicht erzählt, geschweige denn einer historisch-kritischen Analyse unterzogen worden. Den betroffenen Kindern späte öffentliche Genugtuung zu verschaffen ist höchste und kaum noch Zeit, bewegen diese sich doch auch schon im Rentenalter. 2015 sollte aber tunlichst nicht nur an die 70 Jahre zurückliegenden Schrecken am Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert werden, auf dass von deutschem Boden nie mehr ein Krieg ausgehe.

Ein Instrument, mit dem von 1941 bis 1945 an der Greifswalder Universität während des Krieges Ressourcensicherung angestrebt wurde, war das Marineobservatorium Greifswald. Karsten Jäger geht der Frage nach, ob hier wissenschaftliche Kriegsführung gefördert wurde. Am Ende jenes Krieges war Prof. Dr. Gerhardt Katsch als Oberstarzt und Standortarzt in Greifswald eine der wenigen Persönlichkeiten mit Reputation und Autorität, die als Verhandlungspartner für die kampflose Übergabe Greifswalds in Frage kamen. Diese Autorität war bis 1945 nicht unangefochten. Eine unterstellte „jüdische Abstammung“ hätte ihm, zumindest seiner beruflichen Karriere, gefährlich werden können. Die Greifswalder Günter und Ralf Ewert haben in Zusammenarbeit mit Jürgen Boettiger aus Stuttgart versucht, der Geschichte auf den Grund zu gehen.

Die Idee, mit sprichwörtlichen Stolpersteinen an die im Nationalsozialismus Ermordeten zu erinnern, hat eine bundesweite Bewegung ausgelöst. Auch in Mecklenburg-Vorpommern hat sie zahlreiche Spuren hinterlassen. Falk Bersch berichtet über Stolpersteine und Zeitzeugenstimmen in Wismar.

Die DDR-Geschichte unseres Bundeslandes hatte Facetten, die gemeinhin nicht im Brennpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Umso mehr freut es uns, dass die Spezialisten für ihre Themen unsere Zeitschrift als Forum nutzen, um sie der Öffentlichkeit vorzustellen. Georg Diederich und Barbara Müller berichten über das Wirken von Bischof Heinrich Theissing als Apostolischer Administrator und die Bemühungen um einen Kirchenbau für die katholischen Christen in Schwerin.

Der emeritierte Professor für Kunstgeschichte an der Universität Greifswald Bernfried Lichtnau bietet in dieser und der nächsten Ausgabe von „Zeitgeschichte regional“ – die Redaktion hat sich auf eine Ausnahme von der Regel, dass wir keine Mehrteiler abdrucken wollen, verständigt – einen Überblick über die baugebundene Kunst in Greifswald. In diesem sich vornehmlich mit frühen Arbeiten der 1950er und 1960er Jahre befassenden Beitrag wird u.a. dem Friedrich-Loeffler-Forschungsinstitut auf der Insel Riems besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Ein Architektennachlass der besonderen Art wird an der Hochschule Wismar verwahrt. Matthias Ludwig stellt das aus dem Nachlass Ulrich Müthers, des Erfinders der Hyperschalenbauweise, hervorgegangene, ehrenamtlich geführte Müther-Archiv vor.

Zu Blicken über den Tellerrand regen in dieser Ausgabe Ortwin Pelc mit einem Bericht über das Willy-Brandt-Haus in Lübeck und Simone Labs, die weiter über den Fortgang des internationalen Projektes „Kalter Krieg im Baltikum“ berichtet, an. Bei Letzterem geht es diesmal um ein Treffen der Projektgruppe in Schlagsdorf, wo das Gebiet der ehemaligen Trennlinie zwischen Ost und West besucht wurde. Das Projekt ging 2014 zu Ende. Ob und wie weit die entstandenen Partnerschaften tragen, wird die Zukunft zeigen. Wir werden darüber berichten.

Wie immer schließen Rezensionen und Annotationen sowie Anzeigen von Neuerscheinungen das umfangreich gewordene Heft. Für Hinweise dazu sind wir immer dankbar.

Ihre Redaktion