Zeitgeschichte regional | 04. Jg., 2000, Heft 2

5,11 

Beschreibung

Mit dem Ende des Jahres 2000 – und damit des Jahrhunderts, dessen Verlauf auf dem Territorium des heutigen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern „ZEITGESCHICHTE REGIONAL“ zum Gegenstand seiner Beobachtung gemacht hat – können wir mit dem nun vorliegenden Heft den vierten Jahrgang unserer Zeitschrift vollenden. Zukünftig werden wir also die in Mecklenburg-Vorpommern stattgehabte Geschichte des20. aus der Perspektive eines neuen Jahrhunderts, Jahrtausends betrachten. Wir hoffen, dazu auch zukünftig die Unterstützung des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern sowie des Kulturamtes der Hansestadt Rostock zu erhalten, die unserer hellgrünen Reihe den „Nährstoff“ sicherte, der ihr Wachstum erst möglich gemacht hat. Das zweite Heft dieses vierten Jahrgangs von „ZEITGESCHICHTE REGIONAL“ widmet sich vorrangig Frauen, die während des nun vergangenen Jahrhunderts Spuren hinterlassen haben, die für die Geschichtsschreibung unseres Territoriums rekonstruierbar waren. Mit Hilfe der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten des Landes Mecklenburg-Vorpommern konnten Autorinnen gewonnen werden, die jenen Spuren, einzelnen Ausschnitten des weiblichen Teils der jüngsten Geschichte Mecklenburgs und Pommerns seit der Wilhelminischen Kaiserzeit nachgegangen sind. In diesem Zusammenbang wollen wir nicht unerwähnt lassen: Die gute (weil weibliche) Seele unserer Redaktion hat Verstärkung bekommen. Anne-Kathrin Burke wird zukünftig dafür sorgen, daß uns der Stoff für Rezensionen und Annotationen nicht ausgeht.
Für die mittlerweile breitetablierte Frauenforschung immer noch eher eine Herausforderung: Ein Mann, Bernd Kasten, untersuchte für „ZEITGESCHICHTE REGIONAL“ die Beschäftigung von Frauen in der Schweriner Stadtverwaltung bis 1945. Er bestätigt die Befunde der Frauengeschichtsschreibung auch für Schwerin, wonach die weibliche Sicht auf Alltagsgeschichte in den Quellen aus der Provenienz öffentlicher Verwaltung erst mit dem 20. Jahrhundert allmählich an Bedeutung gewann. So wie Frauen bis dahin „höchstens als gelegentliche Bittstellerinnen“ in Erscheinung treten konnten, war ihnen auch die Beschäftigung in der Verwaltung Schwerins, dazu noch, um ein eigenständiges Einkommen zu erzielen, bis dahin versperrt gewesen. Nachdem diese Schranke bereits auf dem Höhepunkt des Kaiserreiches überwindbar geworden war blieb – das zeigt auch der Beitrag von Bernd Kasten eindringlich – ein Aspekt immer dominant: die den Frauen zugewiesene Rolle als Lückenfüllerin in Bedarfsfällen (z.B. Kriegen) auf der einen Seite sowie ihre Verdrängung aus dem Arbeits- und öffentlichen Leben in Krisensituationen. Die Gegenwärtigkeit dessen haben nach 1990 überproportional viele Frauen zwischen Elbe und Oder erfahren müssen, deren Lebenserfahrung und -planung von einer eigenständigen Arbeitsbiographie als Normalfall geprägt war. Die Auseinandersetzung mit dieser für Frauen unbefriedigenden Situation war der Gegenstand einer Rede der Rostockerin Laura Witte, die sie am 22.Januar 1919 in Doberan vor den ersten allgemeinen, direkten, gleichen und geheimen Wahlen für einen Landtag Mecklenburg-Schwerins, bei denen Frauen stimmberechtigt waren, hielt. War Laura Witte bis dahin viele Jahre eine der Vorkämpferinnen des Frauenstimmrechts in Mecklenburg gewesen, so warb sie nun als Wahlrednerin der gerade gegründeten Deutschen Demokratischen Partei unter dem Titel „Die Frau im neuen Deutschland“, die mit den neuen Rechten für Frauen verbundene Herausforderung, für eine wahre Gleichberechtigung im Alltag zu kämpfen, anzunehmen. Marianne Beese hat es übernommen, diese Rede als Dokument und dazu die Persönlichkeit der Laura Witte und ihre Geschichte vorstellen. Gudrun Jäger verdanken wir die Erinnerungen der italienischen Jüdin Liana Millu an ihre Haft im Arbeitslager der Munitionsfabrik Malchow, einem Außenlager des Konzentrationslagers Ravensbrück. Gleichsam an das vorangegangene Heft von „ZEITGESCHICHTE REGIONAL“ anknüpfend, bildet die Schilderung des Leidensweges der Liana Millu von ihrer Deportation aus Italien in das Frauenlager Auschwitz-Birkenau bis zum Endpunkt in der mecklenburgischen Kleinstadt Malchow die thematische Brücke zum vorliegenden Heft. Auch die biographische Skizze ist diesmal einer Frau gewidmet, die sich nach persönlichen Erfahrungen mit der nationalsozialistischen „Schutzhaft“, im Herbst 1945 nach Rostock gekommen, zunächst im Frauenausschuß und für den Wiederaufbau des Sozialwesens in der Stadt und nach der Gründung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (WN) in einer Forschungsstelle für das Land Mecklenburg mit großem Einsatz dafür engagierte, die Verfolgungen durch Nationalsozialisten auf dem Territorium Mecklenburgs zu dokumentieren und die Geschichten der Verfolgten zu bewahren – Fanny Mütze-Specht. Erika Schwarz und Simone Steppan haben zusammengetragen, was an Zeugnissen ihres Lebens und ihrer Arbeit überdauert hat. Andrea Buchheim schließt mit ihrem höchst aktuellen Beitrag über die Entstehungsgeschichte (fast noch –gegenwart) eines Frauenstudienganges Wirtschaftsingenieurwesen an der Fachhochschule Stralsund, der zum Wintersemester 2000/2001 begann, den zeitlichen Bogen, in dem das Thema dieses Heftes behandelt wird. (Die gesetzlich geregelte Öffnung der Hochschulen für Frauen geht auf das Jahr 1908 zurück.) Au aktuellem Anlaß wird diesmal, erstmalig, „das Interview“ von zwei Frauen bestritten. Simone Hantsch befragt die jüngst offiziell in ihr Amt als Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern eingeführte Regine Marquardt.
Die Palette der über das Thema hinausreichenden Beiträge ist einmal mehr breit gefächert. Der Aufsatz des leider bereits verstorbenen Thomas Scheck zeigt, daß das tragische Ende der nationalsozialistischen Ära der vorpommerschen Kleinstadt Demmin in einem durch die Rote Armee verursachten flammenden Inferno auch einen Anfang, eine Vorgeschichte hatte, die ebenfalls im Feuerschein von Fackeln zu suchen ist. Von Kreativität und Konstruktivität zeugt der Beitrag von Kornelia Röder, die ein neues Sammlungsgebiet des Staatlichen Museums Schwerin und dessen mehr als dreißigjährige Geschichte vorstellt – Mail Art, die sich ursprünglich künstlerisch gestalteter Postsendungen bediente, um sich insbesondere in Osteuropa an der Zensur vorbei länderübergreifend über politische und kulturelle Fragen auszutauschen. Auch Künstler aus unserem Land, insbesondere aus Vorpommern, waren bis 1989 in diesen Postverkehr einbezogen. Ihre künstlerischen „postalischen Sendungen“ sollen zukünftig im Schweriner Museum zugänglich sein. Das Schiffahrtsmuseum Rostock als Museum für die See- und Hafenwirtschaft der DDR, das an für die Rostock Museumslandschaft traditionsreicher Stätte auch auf eine mittlerweile mehr als 30jährige Geschichte zurückblicken kann, wird von Ronald Piechulek gewissermaßen in eigener Sache vorgestellt. Die „Diskussion“ widmet sich dem ständigen Schwerpunkt von „ZEITGESCHICHTE REGIONAL“, der Gedenkstättenarbeit. Den Ausgangspunkt dafür bildet das im Juni 2000 in Schwerin stattgehabte 33. Bundesweite Gedenkstättenseminar, das vom Schweriner Verein „Politische Memoriale“ und der Berliner Stiftung Topographie des Terrors ausgerichtet wurde. Hat Frank Dingel von der Stiftung Topographie des Terrors mit seinem Bericht über die Veranstaltung bereits angedeutet, wie sehr die Diskussion über den Umgang mit den Orten des Gedenkens, mit dem Gedenken überhaupt „im Fluß“ ist, so hatte Hans Canjé in der Zeitschrift „antifa“ bereits ein zugespitztes Resümee des Schweriner Bundesgedenkstättenseminars veröffentlicht, das von uns an dieser Stelle kontrastierend noch einmal wiedergegeben wird. Matthias Pfüller wollte dies nicht unwidersprochen lassen. Der Umgang mit Gedenken und seinen Orten zieht sich – wie mittlerweile gewohnt – durch die „Informationen aus der regionalen Geschichtsarbeit“ sowie auch die Rubrik „Lernen an historischen Orten“, mit denen wir einmal mehr ein möglichst breites Spektrum von Aktivitäten zur Bewahrung und Veröffentlichung von Landesgeschichte(n) des letzten Jahrhunderts präsentieren möchten. Hier wären die Porträts über Konzepte und ihre Umsetzung an so gegensätzlichen Orten wie dem „Grenzhuus“ in Schlagsdorf oder dem Dokumentationszentrum Prora der Stiftung Neue Kultur aus Berlin zu nennen. Glücksfälle mit einer sich längs dem Zeitstrahl gen Null verschiebenden Wahrscheinlichkeit sind Projekte, bei denen der genuis loci sogenannter „authentischer Orte“ mit der Aura der Authentizität von Zeitzeugen verbunden werden kann. Uwe Wieben berichtet über die Rückkehr von überlegenden Frauen des Konzentrationslagers Boizenburg an diesen Ort. Elisabeth Möller dokumentiert den Besuch einer ehemaligen russischen Zwangsarbeiterin in Mecklenburg. Mit Zwangsarbeit in Mecklenburg, Zwangsarbeit n der Metallindustrie während des Zweiten Weltkrieges hierzulande beschäftigt sich ein Projekt, an dem Friedrich Stamp arbeitet und das neben seiner peinlichen Aktualität auch ein Forschungsdefizit offenlegt. Von einer beklemmenderen Aktualität ist hingegen die von Andreas Wagner vorgenommene Zusammenstellung von im vergangenen Jahr öffentlich bekannt gewordenen Schändungen von Gedenkstätten in Mecklenburg-Vorpommern. Die Aufzählung der Informationen kann an dieser Stelle keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Bemerkenswert genug, um bereits hier Aufmerksamkeit heischende Erwähnung zu finden, ist ein kürzlich von Matthias Manke in Landeshauptarchiv Schwerin aufgefundener Brief an den über Rostock nach Amerika geflohenen Gottfried Kinkel von einem Rostocker Kaufmann aus dem Jahre 1851. Mit dieser eigentlich nicht zeitgeschichtlichen Feder meinen wir uns schmücken zu dürften, da sie die Darstellung über die Rezeption der Revolution von 1848/49 im 20. Jahrhundert im 2. Jahrgang von „ZEITGESCHICHTE REGIONAL“ hervorragend ergänzt. Innerhalb der „Archivmitteilungen“ stellt der Greifswalder Professor Gunnar Müller-Waldeck den seit 1997 an der Greifswalder Universität verwahrten Nachlaß des Schriftstellers Wolfgang als den nach dem Falladas größten Schriftstellernachlaß in Mecklenburg-Vorpommern vor. Franzose von Geburt, der in Rostock lebt, arbeitet Arnaud Liszka beim Archiv der Umweltbibliothek Großbennersdorf für die Aufarbeitung von DDR-Geschichte in der Oberlausitz. Was der Gegenstand seiner Arbeit im Sächsischen ist, hat er „ZEITSCHICHTE REGIONAL“ für die Rubrik „Aus anderen Bundesländern“ anvertraut. In der Berliner „GrauZone“ werden von zwei unermüdlichen Frauen, Samirah Kenawi und Rita Pawlowski, die Überlieferungen ostdeutscher Frauenbewegungen zugänglich gemacht, jüngste Geschichte aus der Sicht von Frauen aus erster Hand ohne Bandenspiel.
Geschichte wird in Geschichten transportiert, die sich nur zu oft eines Mythos bedienen, wie auch die Geschichte des „Hitlerjungen Quex“ einer ist. Kurt Schilde ging ihm nach und fand den Hitlerjungen Herbert Norkus. Wir hoffen, es ist gelungen, Ihnen Geschichte ohne Mythen zu präsentieren, Mythen offenzulegen und trotzdem die Geschichten, für die sie stehen und die sich mit ihnen verbinden, zu bewahren.

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