Zeitgeschichte regional | 22. Jg., 2018, Heft 1

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Beschreibung

Diese Ausgabe von „Zeitgeschichte regional“ nimmt einmal mehr ihren chronologischen Ausgangspunkt bei der Jahrhundertzäsur Erster Weltkrieg. Und wieder ist es Falk Bersch, der unter dem Titel „Der Krieg ist Teufelswerk!“ über den (akribisch recherchierten) Lebensweg von sogenannt kleinen Leuten, Paul und Johanna Suhrbier, berichtet: über die Anfechtungen des Zwangs zu Kriegsdiensten, den Mut zu Verweigerung und Selbstbehauptung, die Leidensgeschichten in national- und anders sozialistischen Haftanstalten vor und nach 1945, verursacht durch das offene Glaubensbekenntnis der Betroffenen.
Die Kriege des 20. Jahrhunderts haben in diesem Landstrich zahlreiche Spuren hinterlassen, von denen viele noch zu entdecken und zu deuten sind. So war bislang nicht viel mehr als die Existenz des Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlagers II C in Greifswald vom Beginn des Zweiten Weltkrieges im Herbst 1939 bis zu dessen Ende im Frühjahr 1945 bekannt. Thomas Bartels liefert Erkenntnisse zu dessen Strukturen, den Gefangenengruppen sowie dem Alltag der Kriegsgefangenen in Greifswald und Umgebung. Er regt weitere Forschungen und die Gründung einer Interessengemeinschaft Stalag II C an.
Viele – insbesondere östliche – Städte und Gemeinden des heutigen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern erreichten die physischen und materiellen Verheerungen dieses Krieges erst zu dessen Ende, dafür aber umso dramatischer. Das bereits vorher erreichte Ausmaß seelisch-moralischer Zerrüttung erfuhr nochmals eine enorme Steigerung. Die Selbsttötungswelle des Jahres 1945 brachte es zum Ausdruck, und die Schockwellen beben bis heute nach. Eleonore Wolf, die Neubrandenburger Stadtarchivarin, skizziert dies für Neubrandenburg unmittelbar vor und in den ersten Jahren nach Kriegsende. Sie bilanziert die bisher für die Stadt ermittelten Opferzahlen von Ende April bis Ende September 1945, liefert aber auch Eindrücke zu den Lebensbedingungen der in der Stadt gebliebenen Menschen sowie dazu gekommenen Flüchtlinge und Vertriebenen und ergänzt so das in früheren Ausgaben dieser Zeitschrift begonnene Bild zum Thema.
Die eigentliche chronologische Klammer dieser Ausgabe bilden aber zwei Beiträge mit schulgeschichtlichem Bezug. Gabriele Förster aus Greifswald bietet mit ihrem Beitrag über die besonderen Probleme der ländlichen Volksschulen Pommerns in der Zeit der Weimarer Republik interessante Einblicke in die institutionelle Verfasstheit der Volksschulen in den Dörfern der preußischen Provinz Pommern. Interessanter noch sind die sozial- und alltagsgeschichtlichen Informationen über die Schulkinder und die Lehrkräfte.
Die 100 Jahre später abgelaufenen rasanten Veränderungen und Entwicklungen des Schulwesens in der Region Rostock-Land zwischen 1990 und 2017 lässt der Schulrat Klaus Scherer in seinen Erinnerungen Revue passieren.
Den Untersuchungen von Jenny Linek aus Greifswald über Anspruch und Wirklichkeit der Gesundheitsvorsorge in der DDR verdanken wir für diese Ausgabe einen Beitrag über das Betriebsgesundheitswesen im Bezirk Rostock zwischen 1950 und 1980. Der Bedeutung und Ausprägung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in der DDR mit der Verankerung in den Betrieben spürt Frau Linek vor allem aus der Perspektive des Betriebsgesundheitswesens nach.
Das Geflecht historischer Kontinuitäten und internationaler Verbindungen, das die DDR-Entwicklung wesentlich prägte, bietet noch viel Stoff für wissenschaftliche Forschung, die über politikgeschichtliche Fragestellungen und politische Interessen hinausgeht. Wolfgang Klietz aus Hamburg weist in diese Richtung, wenn er das Projekt „Rügenhafen“ in die Geschichte geopolitischer Auseinandersetzungen des 19. Und 20. Jahrhunderts einordnet.
Der Museumsdirektor im Ruhestand, Peter Danker-Carstensen, setzt hier seine Reihe zum Umgang mit Kulturgut aus den Rostocker Museen in den 1970er und 1980er Jahren fort, indem er einen Fall aufgreift, der zum Beginn der 1990er Jahre ein Politikum in Rostock wurde: Stephan Jantzens verschwundene Möbel.
Unser Redaktionsmitglied Wolf Karge hat auch sich selbst 2017 einen Wunsch erfüllt und mit der Ausstellung „FAK-tisch – Designed in MV – Designausbildung an der FachHochSchule für angewandte Kunst Heiligendamm 1953-2000“ dieser außergewöhnlichen Bildungseinrichtung an ungewöhnlichem Ort ein Erinnerungszeichen gesetzt. Er berichtet hier über das Projekt regionaler Geschichtsarbeit und dessen Präsentation im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus.
Die Reihe der Greifswalder Autoren in diesem Heft beschließt Max Hartung mit seinem Überblick über frei zugängliche, personenbezogene, private Quellenbestände mit Bezug zu Mecklenburg-Vorpommern im Internet.
Von jenseits unseres Tellerrands erreichten uns zwei Beiträge, die auch uns betreffen. Unter dem Titel „Kommunismus unter Denkmalschutz? Denkmalpflege als historische Aufklärung“ hatten das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologische Landesmuseum sowie das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam am 26. und 27. Oktober 2017 über den Umgang mit sozialistischen Denkmälern nach 1990 zur Diskussion eingeladen, worüber Bettina Altendorf berichtet.
Über eine höchst aktuelle Ausstellung an berufener Stelle, der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde in Berlin, wo heute Geflüchtete aus Kriegs- und Krisengebieten in einem „Übergangswohnheim“ leben, erfahren wir etwas von Henrik Bispinck.
Letzterer betreut auch die Rubriken Rezensionen/Annotationen bzw. Neuerscheinungen. Die Redaktion meint, dass ihm dafür Dank gebührt.

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